In den 1980er Jahren wurde im Zuge einer durch Existenzkrisen bedingten Neuorientierung der Geisteswissenschaften eine doppelte Ausweichbewegung versucht: Geisteswissenschaftler begannen, sich entweder als Medienwissenschaftler oder als Kulturwissenschaftler zu deklarieren. Im Bereich der Medienforschung stießen sie dabei auf bereits reichlich vorhandene Konkurrenz, sei es in Gestalt der traditionellen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, sei es in Gestalt von Medientheorien, wie sie etwa exemplarisch von der Toronto School of Communication vertreten wurden oder auch in Gestalt der traditionellen Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Anders war die Lage im Hinblick auf Kulturwissenschaft; denn ein solches Fach gab es gar nicht, es musste erst erfunden werden. Wie die zahlreichen Einführungsbände, Handbücher, Orientierungsbücher und Sammelwerke belegen (vgl. etwa Böhme et al. 2000, Düllo et al. 2000, Appelsmeyer u. Billmann-Mahecha 2001), dauert diese Erfindung eines Faches Kulturwissenschaft bzw. Kulturwissenschaften bis heute an; und schon der Streit um Singular und Plural im Titel verweist deutlich auf die Probleme dieses Unterfangens, dessen Status quo der Soziologe Dirk Baecker mit begründetem Sarkasmus so charakterisiert: ,,Mit einem Ausdruck aus der amerikanischen Organisationstheorie könnte man die Kulturwissenschaften als eine garbage can, eine Mülltonne beschreiben, in der Beschreibungen herumwimmeln, die nach ihren Gegenständen, Konzepte, die nach ihren Problemen, und Probleme, die nach ihren Anlässen suchen: ein Fest loser Kopplungen, das über alle Vor- und Nachteile loser Kopplung verfügt.“ (Baecker 2000: 77) Einerseits signalisiert der Ruf nach Kulturwissenschaft das Schwinden disziplinärer Selbstverständlichkeit, andererseits fehlt bis heute eine Konzeption, die mehr bietet als die Zauberformeln der Verlegenheit, mit der die Stichwortgeber bis heute agieren: Pluralität, Integrativität, Differenz, Hybridisierung. Wenn aber nicht einfach eine Umetikettierung der Philologien in Kulturwissenschaft vorgenommen wird, sondern eine Kulturwissenschaft als Integrationsdisziplin angestrebt wird, dann reicht es nicht, unter dem Nominaldach Kulturwissenschaft Disziplinen zu addieren, die sich mit ,Kultur‘ beschäftigen. Vielmehr erfordert ein solches Unterfangen eine klare Problemstellung, die Einführung verwendungsstabiler Grundbegriffe sowie eine Lösung des Autologieproblems; denn nur in Kultur lässt sich ,Kultur‘ bestimmen. Ähnliches gilt für die zu Medienwissenschaften umgetauften Philologien, die sich in vielen Fällen lediglich zu Bildschirmphilologien gewandelt haben, die nach wie vor auf die Interpretation von Inhalten sowie auf Hochkultur fixiert sind. Angesichts dieser Entwicklungen im Wissenschaftsbereich, angesichts der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien, die unsere Gesellschaft telematisieren, sowie angesichts der Entwicklung von ,Kultur‘ zu einem politischen Faktor wie zu einer ökonomischen Produktivkraft im Globalisierungsprozess hat Siegfried J. Schmidt Anfang der 1990er Jahre die Forderung nach Etablierung einer M. erhoben und Vorschläge zur Konzeption einer solchen Forschungsrichtung vorgelegt. Der Kern dieser Vorschläge lässt sich wie folgt zusammenfassen. Medienkulturwissenschaft ist nicht fixiert auf einzelne Medienangebote oder bestimmte kulturelle Phänomene, sondern versucht, die Mechanismen zu ergründen, die unseren Umgang im weitesten Sinn mit solchen Phänomenen bestimmen, die wir aus guten Gründen für kulturelle Phänomene halten, und dabei möglichst genau die Rolle der Medien zu explizieren. Wie für die Medien- und die Kulturwissenschaften gilt auch für eine Medienkulturwissenschaft, dass ihre Konstituierung eine möglichst explizite Klärung der Grundbegrifflichkeit, der Problemstellungen und Problemlösungswege erfordert. Beginnen wir mit einer Bestimmung des Medienkonzepts.
© 2001-2026 Fundación Dialnet · Todos los derechos reservados