Während der Ausgrabungskampagne im Jahre 1993 in der griechischen Kolonie-Stadt Tanais am Don wurde eine ungewöhnlich hohe Konzentration an Marmorplattenfragmenten mit Inschriften und Reliefs gefunden, von denen hier eines vorgestellt wird. Es ist aus weiBem, kristallinem Marmor gearbeitet und zeigt einene Baum, an dem ein kleiner Stierschädel hängt. Das Fragment stammt aus dem Nordwestteil des Torraumes am Rande der vermuteten Agora und wird in die 1. Hälfte des 3. Jhs. v. Chr. datiert. Eine vergleichbare Marmorstele, ein Altfund aus Tanais, befindet sich im Museum Novocerkassk. Sie trägt eine Inschrift zur Feier des Tages von Tanais, der in das Jahr 104 n. Chr. zu datieren ist, und zeigt einen Reiter mit Baum und Bukranion. Es wird davon ausgegangen, daB das Fragment aus der Grabung des Jahres 1993 ebenfalls zu einer solchen Stele gehört hat. So soll sich neben dem Baum ebenfalls ein Reiter befunden haben, zwischen beiden ein Altar. Reiterdarstellungen gehören zu den Leitmotiven der bosporanischen Kunst in späthellenistischer und römischer Zeit. Der Ursprung dieser darstellungen wird in Kleinasien vermuten. Das Bukranion wird mit dem Lebensbaum im Kontext von Fruchtbarkeitskulten gesehen und als Symbol einer Gottheit, z. B. des Theos Hypsistos interpretiert.
© 2001-2026 Fundación Dialnet · Todos los derechos reservados